Die Reise des Wortes „Tabu"
Es begann auf einer Insel im Pazifik und landete in fast jeder europäischen Sprache: „Tabu" ist eines der wenigen Wörter aus dem Polynesischen, das die halbe Welt erobert hat. Wir folgen seiner Spur — und sehen zu, wie sich seine Bedeutung dabei verschiebt.
Die meisten Wörter, die wir benutzen, haben eine unauffällige Herkunft: Sie stammen aus dem Lateinischen, dem Griechischen, aus germanischen Wurzeln. Ein Wort aber sticht heraus, weil man sein Geburtsdatum und seinen Geburtsort fast auf den Tag genau kennt. „Tabu” kam aus dem Südpazifik nach Europa — und wir wissen sogar, wer es aufschrieb.
Ein Kapitän notiert ein fremdes Wort
Im Jahr 1777 ankerte der britische Seefahrer James Cook auf seiner dritten Pazifikreise vor den Tonga-Inseln. In seinem Bordtagebuch beschrieb er ein Verhalten, das ihm rätselhaft erschien: Bei einem Festmahl rührten die Einheimischen bestimmte Speisen nicht an, obwohl sie hungrig wirkten. Auf seine Nachfrage bekam er immer wieder dasselbe Wort zu hören. Cook schrieb es so nieder, wie es sein englisches Ohr wahrnahm: taboo.
Im Tonganischen — und ähnlich in anderen polynesischen Sprachen, etwa im Māori als tapu — bezeichnete das Wort etwas, das heilig oder verboten war, mit Verehrung und mit Gefahr zugleich aufgeladen. Es war kein simples „Das darf man nicht”. Es beschrieb eine Sphäre des Unantastbaren, in der das Geweihte und das Gefährliche ununterscheidbar zusammenfielen. Wer ein Tabu berührte, verletzte eine kosmische Ordnung.
Von der heiligen Ordnung zum bloßen Verbot
Kaum war das Wort in England angekommen, begann seine Bedeutung zu wandern. Der englische taboo verlor rasch die religiöse Aura des Originals. Was blieb, war der Kern des Verbots: etwas, worüber man nicht spricht, was man nicht tut, was mit einer stillschweigenden gesellschaftlichen Sanktion belegt ist.
Dieser Bedeutungswandel folgt einem vertrauten Muster. Wenn ein Wort aus einer Kultur in eine andere wandert, kommt selten die ganze Bedeutungswelt mit. Die aufnehmende Sprache pflückt heraus, was sie brauchen kann, und lässt den Rest zurück:
- Der polynesische Begriff verband das Heilige und das Verbotene zu einer Einheit.
- Der europäische Begriff behielt nur das Verbotene — und verweltlichte es.
So wurde aus einer religiösen Kategorie ein Alltagswort für alles Unaussprechliche: Todestabu, Sexualtabu, Tabuthema am Familientisch.
Wie das Wort ins Deutsche und weiter kam
Von England aus verbreitete sich der Begriff über die europäischen Sprachen. Ins Deutsche gelangte er im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, zunächst in Reiseberichten, dann im allgemeinen Wortschatz. Heute existiert das Wort in einer beeindruckenden Zahl von Sprachen: als tabou im Französischen, tabú im Spanischen, tabu im Italienischen und in vielen weiteren. Kaum jemand, der es benutzt, ahnt noch, dass er ein tonganisches Wort im Mund führt.
Ein einziger Eintrag in einem Schiffstagebuch — und ein Wort tritt eine Weltreise an, die bis heute nicht zu Ende ist.
Die zweite Karriere: das Wort wird zum Fachbegriff
Eine besondere Wendung nahm die Geschichte, als das Wort im 19. und frühen 20. Jahrhundert von der jungen Wissenschaft entdeckt wurde. Ethnologen und später die Psychoanalyse machten „Tabu” zu einem Fachterminus, um kulturübergreifende Verbots- und Meidungsphänomene zu benennen. Damit reiste das Wort ein weiteres Mal — diesmal nicht über den Ozean, sondern von der Alltagssprache in die Wissenschaftssprache.
Das ist eine ungewöhnliche Doppelkarriere. Die meisten Lehnwörter bleiben, was sie sind: nützliche Etiketten für Dinge, die man importiert hat. „Tabu” dagegen wurde zu einem Werkzeug des Denkens, mit dem sich sogar über Kulturen sprechen ließ, die das Wort selbst nie kannten.
Was uns die Reise eines Wortes lehrt
Die Geschichte von „Tabu” ist ein Musterbeispiel dafür, wie Sprache funktioniert: Sie ist niemals abgeschlossen, niemals rein. Wörter wandern über Meere, verlieren unterwegs Bedeutungen und gewinnen neue hinzu, passen sich der Aussprache und der Weltsicht ihrer neuen Sprecher an.
Bemerkenswert ist dabei, wie selten der Weg vom Pazifik nach Europa beschritten wurde. Die großen Handels- und Machtwege liefen jahrhundertelang in die andere Richtung. Dass ausgerechnet ein polynesisches Wort in nahezu jede europäische Sprache eingesickert ist, macht „Tabu” zu einer kleinen sprachlichen Sensation — einem Gruß aus dem Südpazifik, den wir täglich aussprechen, ohne es zu merken.
Vielleicht ist das die schönste Pointe: Ein Wort, das ursprünglich das Unantastbare bezeichnete, ist selbst zu etwas völlig Selbstverständlichem geworden. Es hat sein Geheimnis abgelegt und ist bei uns eingezogen — so gründlich, dass wir es längst für unser eigenes halten.