Ausgabe 01 Lingu Nerds
Lingu Nerds Magazin für Sprachbegeisterte — Bd. i —
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Kuriositäten · 6 min

Wörter, die es nur einmal gibt

Hygge, Saudade, Komorebi, Waldeinsamkeit: „unübersetzbare" Wörter verraten viel darüber, worauf eine Kultur ihre Aufmerksamkeit richtet. Eine kleine Sammlung — mit dem beruhigenden Hinweis, dass in Wahrheit nichts wirklich unübersetzbar ist.

Handgeschriebene Wörter aus verschiedenen Sprachen auf Zetteln arrangiert, die das Thema der schwer übersetzbaren Begriffe illustrieren
Handgeschriebene Wörter aus verschiedenen Sprachen auf Zetteln arrangiert, die das Thema der schwer übersetzbaren Begriffe illustrieren

Es gibt Wörter, bei denen man ins Grübeln gerät. Man versteht sofort, was sie meinen — und findet trotzdem kein einzelnes Wort in der eigenen Sprache, das genau dasselbe sagt. Sie gelten als unübersetzbar, und Listen mit ihnen kursieren durchs Netz wie kleine Schätze. Sie sind ein Fest für alle, die Sprache lieben. Aber sie erzählen auch etwas Tieferes — über Kulturen, über Aufmerksamkeit, und darüber, was Übersetzung eigentlich ist.

Eine kleine Sammlung

Fangen wir mit den Klassikern an, jenen Wörtern, die es immer wieder in die Sammlungen schaffen:

  • Hygge (dänisch) beschreibt eine behagliche, warme Gemütlichkeit — den Zustand, wenn Kerzen brennen, Freunde da sind und die Welt für einen Moment stimmt. Ein Gefühl, keine Sache.
  • Saudade (portugiesisch) ist eine sehnsüchtige Melancholie nach etwas oder jemandem, der fehlt — eine süße Traurigkeit, die zugleich Verlust und Zuneigung enthält.
  • Komorebi (japanisch) benennt das Licht, das durch Blätter fällt: das Spiel von Sonne und Schatten im Blätterdach. Ein ganzes Wort für ein flüchtiges optisches Ereignis.
  • Waldeinsamkeit (deutsch) meint das eigentümliche, ruhige Alleinsein inmitten des Waldes — ein Gefühl, das andere Sprachen tatsächlich oft bewundern und entlehnen.

Schon diese vier zeigen ein Muster: Jedes Wort friert einen sehr spezifischen Moment oder Gemütszustand ein, für den eine andere Sprache einen ganzen Satz brauchen würde.

Was solche Wörter über eine Kultur verraten

Es ist verlockend, aus diesen Wörtern große Schlüsse zu ziehen — als besäßen nur Dänen echte Gemütlichkeit oder nur Portugiesen die Sehnsucht. Das ist Unsinn. Menschen überall auf der Welt kennen Behaglichkeit und Sehnsucht. Der Unterschied liegt nicht im Fühlen, sondern im Benennen.

Eine Sprache prägt dann ein eigenes Wort, wenn eine Sache in ihrer Kultur wichtig, häufig oder besprechenswert genug ist, um ein handliches Etikett zu bekommen. Dass das Japanische ein Wort für das Licht zwischen den Blättern hat, sagt etwas über eine kulturelle Aufmerksamkeit für Naturästhetik. Es sagt nicht, dass anderswo niemand das Licht durch die Bäume bemerkt.

Ein Wort ist keine Mauer, die andere aussperrt, sondern eine Abkürzung, die eine Gemeinschaft für sich selbst gebaut hat.

Der große Haken: nichts ist wirklich unübersetzbar

Und damit zum eigentlichen Punkt, den man bei aller Begeisterung nicht vergessen sollte. „Unübersetzbar” ist eine Übertreibung. Was diese Wörter nicht haben, ist ein Ein-Wort-Äquivalent in der Zielsprache. Aber das ist etwas ganz anderes als Unübersetzbarkeit.

Denn übersetzen konnten wir gerade jedes einzelne dieser Wörter — mit einem Satz, einer Umschreibung, einem Bild. Genau das haben wir oben getan. Übersetzung ist eben nicht das Ersetzen eines Wortes durch ein anderes, sondern das Übertragen von Bedeutung. Und Bedeutung lässt sich immer übertragen; manchmal braucht man dafür mehr Worte, manchmal eine kleine Erklärung, manchmal ein Beispiel. Kein menschlicher Gedanke ist einer anderen Sprache prinzipiell verschlossen.

Der beste Beweis sind die Wörter selbst. „Hygge” ist längst in andere Sprachen gewandert und wird dort verstanden. „Saudade” taucht in Liedtexten weltweit auf. Wörter, die angeblich nicht übersetzbar sind, reisen munter um den Globus — und das könnten sie nicht, wenn niemand sie verstünde.

Warum wir sie trotzdem lieben

Wenn also nichts wirklich unübersetzbar ist, warum faszinieren uns diese Wörter dann so? Weil sie etwas Wunderbares vorführen: Sie zeigen, wo eine Sprache besonders genau hingeschaut hat. Sie sind Fenster in die Feinunterscheidungen anderer Kulturen — Momente, in denen man merkt, dass man ein vertrautes Gefühl noch nie so präzise benannt hatte.

Und sie schenken uns eine kleine Erweiterung. Wer einmal das Wort „Komorebi” kennt, sieht das Licht durch die Blätter mit anderen Augen — nicht weil er es vorher nicht gesehen hätte, sondern weil er nun einen Haken hat, an dem er die Beobachtung aufhängen kann. Genau darin liegt der Reiz: Diese Wörter machen die Welt nicht komplizierter, sondern reicher. Sie sind eine Einladung, genauer hinzusehen — und dann festzustellen, dass man das Gemeinte doch übersetzen kann, sobald man es einmal bemerkt hat.

Ressort: Kuriositäten Lingu Nerds